Von Bleckede nach Hitzacker

Tag 10 der Elbwanderung

Heute morgen bin ich etwas vor neun Uhr im Gästehaus Christa in Richtung Hitzacker aufgebrochen, wurde noch nett verabschiedet von Tobias, der das Gästehaus vor einer Weile übernommen hat. Es war alles sehr schön. Ich bin gleich in die Sonne hinaus und hab den für mich ja noch recht frühen Morgen genossen. Leider habe ich vergessen, den Tracker sofort anzustellen, sodass mir heute ein paar hundert Meter beim Tracking fehlen. Aber halb so wild, ich mache ja kein Sportabzeichen.

Kaffee und Draisinen in Alt Garge!

Ja, ich habe mich entschieden, über Alt Garge zu gehen, weil es da ein kleines Lädchen gibt, wie Google mir verraten hat, das um diese Uhrzeit geöffnet ist. Dort soll es Kaffee und auch etwas zu essen geben. Und das hat funktioniert! Es gab einen Kaffee und ein Franzbrötchen, außerdem eine nette Toilette und eine noch viel nettere Dame, die diesen Laden betreibt. Sehr zu empfehlen für alle Wanderer. Der Preis dafür ist allerdings, dass ich heute nicht direkt auf dem Elberadweg wandere, sondern sozusagen einen parallelen Wanderweg nehme, der ein bisschen von der Elbe entfernt ist. In Alt Garge gibt es auch einen Draisinenbahnhof, von wo an man insgesamt siebzehn Kilometer mit bis zu vier Personsen Draisine fahren könnte.

Ruhig und beschaulich

Aber ich bin ja zum Wandern hier. So wie ich es recherchiert habe, kommt noch eine weitere Gelegenheit zum Einkehren, wenn ich durch Neu Darchau komme. Das sind natürlich unsägliche Vorteile, wenn man so einen Tag wie gestern hinter sich hat, wo es über die ganzen 28,88 Kilometer noch nicht einmal eine Toilette, geschweige denn einen Kaffee oder etwas zu essen gab. Insofern nehme ich in Kauf, dass ich die Elbe nicht immer sehe. Und auch hier ist es sehr schön, man kommt durch wenige Orte und es ist sehr viel Grün an den Seiten, ich gehe zwar an einer Landstraße entlang, aber es sind nur wenige Autos unterwegs sind. Insgesamt es sehr sehr ruhig und beschaulich.

Nettes Pläuschchen und tolles Ritual

Schmidts Laden
Schmidts Laden auf dem Weg nach Hitzacker

Ihr Wanderstil gefällt mir, so spricht mich ein paar hundert Meter nach Schmidts Laden eine Frau an und ich bin tatsächlich etwas irritiert – denn was meint sie bloß mit Stil? Ich wandere einfach vor mich hin, immer Richtung Hitzacker, mit dem ein oder anderen Schlenkerer. Und ob das jetzt schick aussieht, weiß ich nicht. Aber das war natürlich überhaupt nicht das, was sie meinte. Wir kamen ganz schnell ins Gespräch, ich weiß jetzt, dass sie Susanne heißt, ihre Freundin war dabei, sie hatte wunderbare Haferkekse mit Schoko obendrauf, von denen ich einen probiert habe – megalecker – und sie hat mir erzählt von sich. Wir waren dann ganz schnell beim Thema Abnehmen und unserer Bewegung in der Welt. Das ist total spannend, wie viele Menschen diese Themen umtreiben. Ja – und dann hat Susanne mir erzählt, dass sie täglich in der Elbe badet, das ganze Jahr über. Ich finde es großartig, wenn jemand so ein ungewöhnliches Ritual hat. Inzwischen ist mir auch eingefallen, das ich sie fragen müsste, ob sie nicht einen Beitrag für unsere Ritual-Seite schreiben mag. Aber wer weiß, vielleicht meldet sie sich ja über die Kommentarfunktion oder per E-Mail. Ich habe ihr und ihrer Freundin gleich die Weite-Felder-Karte gegeben, ich würde mich sehr freuen, von ihr zu hören. Aber ich habe jetzt natürlich ein paar Kilometer gebraucht, bis mir das jetzt einfiel.

Eichenprozessionsspinner

Dank meiner Entscheidung für diesen Weg konnte ich zwischen den Bäumen laufen, wo es heute angenehm schattig war. Manchmal gaben die Bäume zur linken Seite den Blick zur Elbe, auf meinen Fluss frei. Herrlich. Überall warnten Schilder vor dem Eichenprozessionsspinner – nein, ich habe weder die Nester noch die Raupen angefasst, ich habe sie allerdings auch nicht gesehen. Der Weg ist wirklich schön, jetzt kommt Walmsburg. Ein hübscher, sehr aufgeräumter Ort begrüßt einen, wenn man hier ankommt. Es gibt ein sehr nett wirkendes Café, das nur am Wochenende öffnet, was man ja verstehen kann. Wer weiß, vielleicht wandere ich hier ja mal an einem Wochenende. Irgendwann in meinem Leben.

Ein Fest der Grüntöne und Gerüche

Ich bin jetzt auf dem Weg nach Neu Darchau. Mal gucken, wie weit es noch ist. Erst einmal sitze ich hier in einer Bushaltestelle, werde einen Moment meinen Fuß schonen. Es ist mal wieder der linke, der gern eine Pause möchte. Aber eine Viertelstunde reicht ihm, solange stricke ich, trinke ein bisschen Wasser und dann geht es weiter bei bestem Wetter. Man glaubt gar nicht, wir prall die Natur hier ist. Es ist wirklich ein Fest aller Grüntöne, überall Vögelgezirpe und manchmal fliegt einen ein Duft an – man weiß gar nicht, woher der kommt. Irgendwo im Wald muss ein duftes Pflänzchen blühen. Zugleich hat man das Gefühl, dass man die Elbe riecht, die nicht weit entfernt fließt. Und das tut gut. Es ist eine fantastische Mischung! Vielleicht bilde ich mir die Elbe auch nur ein, aber das tue ich mit all meiner Überzeugungskraft.

Der Elbuferweg ist wunderschön

Alt Garge verlasse ich in Richtung Hitzacker auf dem Elbuferweg. Die Elbe ist mal näher, mal etwas weiter von mir entfernt, immer aber spürbar. Hin und wieder blitzt sie durch die Bäume, manchmal gibt es auch Seitengewässer, die einem näher sind. Es ist warm, es ist grün, es ist schattig, es ist der perfekte Weg für diesen Tag. Ich komme durch verschiedene Waldabschnitte. Es geht immer am Elbuferweg entlang und ist sehr ruhig. Wenn der Weg an einer Straße entlangführt, begegnen einem kaum Autos, hier waren zwei Busse, ein Gärtnerwagen, der wohl am Seitenstreifen arbeitete und ein LKW, soweit ich mich erinnern kann. Es ist ungemein entspannend und ich habe diesmal auch mehr Glück gehabt, was die Gastronomie betraf.

Vegane Burger auf meinem Weg nach Hitzacker

Nach dem Päuschen im schattigen Bushäuschen bin ich bald in Katemin, einem Ortsteil von Neu Darchau angekommen. Ich habe einen Moment das Gefühl, dass der Weg mich wieder in die Richtung führt, aus der ich komme, doch dann gibt es einen neuen Schlenker, ich überquere den Kataminer Mühlenbach und komm dann relativ nah an der Elbe wieder an die Elbuferstraße. Und dort – an der Elbuferstraße 149e – gibt es das Elbdorado. Ich habe, muss ich zugeben, schon am Tag vorher alle Einkehrmöglichkeiten recherchiert, damit ich bis Hitzacker nicht wieder hungern muss. Das Elbdorado hat mich schon online begeistert, weil es dort einen veganen Burger auf Grünkohlbasis gibt und Wedges mit Basilikum-Mayonnaise. Diese Kombination hat mir wirklich sehr gut geschmeckt. Es sind nette Leute, die das dort betreiben, eine angenehm lockere Atmosphäre. Drumherum gibt es viel Grün und obendrein einen fantastischen Blick auf die Elbe.

Biker und Rollwagenbüchlein

Der nette Biker
Der nette Biker auf dem Deich

Ich lerne im Elbdorado einen netten Biker kennen, dessen Namen ich leider nicht weiß. Natürlich wollte ich mich gern mit ihm fotografieren, denn schaut euch das Haarband an, Eingeweihte kennen den Grund! Und irgendwie hat mich diese Begegnung ans Rollwagenbüchlein erinnert. Ich habe mich während des Literaturstudiums irgendwann mal damit befasst. Im Rollwagenbüchlein geht es darum, dass Menschen sich in einem rollenden Wagen zusammenfinden, um eine Reise zu machen und sich dann gegenseitig einiges zu erzählen. Oft erzählen sie sich viel Lebensgeschichtliches, das sie in einem anderen Kontext nicht preisgeben würden. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie die Mitreisenden nie wieder treffen und das gibt ihnen den sicheren Rahmen, in dem sie viel von sich preisgeben. Das ist etwas, was ich auch immer wieder bei Bahnfahrten erlebt habe. Ich habe Lebensgeschichten gehört, die unglaublich sind, ich habe sie auch erfolgreich wieder vergessen, da es mich ja am Ende nicht betrifft, aber die Menschen erzählen unterwegs einfach sehr viel. Wenn man bereit ist zuzuhören, erfährt man die erstaunlichsten Dinge.

Kleine Reise in die Kindheit

Hier gab es jetzt mal keine Lebensbeichten, aber es war trotzdem sehr nett, denn es hat sich herausgestellt, dass der Herr aus einem Ort kam, den ich kenne, und dass er auch einen Ort kennt, in dem ich zehn Jahre gewohnt habe. So etwas ist natürlich hübsch und die Wahrscheinlichkeit in Norddeutschland so jemanden zu treffen, ist für mich natürlich viel größer als in Süddeutschland. Es lässt sich nicht verleugnen, dass das ein klein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit war.

Muskeln, Landschaften und Menschen

Wandern ist eine großartige Sache, auch wenn es manchmal anstrengend wird. Es ist herrlich, wenn man seine Route gemeistert und dabei einen klaren Kopf bekommen hat. Die Landschaften zeigen einem, wie großartig die Natur ist. Nicht nur von beeindruckender Schönheit, sondern auch kraftvoll, essenziell und berührend. Doch die Menschen, die man unterwegs trifft, sind mindestens genauso wichtig. Immer wieder treffe ich auf ebenso freundliche wie offene Menschen, die Freude an Begegnungen haben, von sich berichten und mir zuhören. Der Austausch geht oft unerwartet in die Tiefe. Das ist faszinierend – und das ist es auch, was mich ans Rollwagenbüchlein erinnert. Das Miteinander und die Hilfsbereitschaft werden immer noch großgeschrieben. Das schafft Vertrauen ins Leben. Die meisten dieser Begegnungen stehen im Zeichen des Austausches. Wir geben uns Zeit, Aufmerksamkeit, Informationen und damit immer auch Wertschätzung. Schon als Kind haben mich Handwerksgesellen auf der Walz ungemein fasziniert. Warum, das beginne ich nun zu ahnen.

Eine kleine schwarze Schlange kurz vor Hitzacker

Ich hatte noch etwa dreizehn Kilometer, also weniger als die Hälfte des Weges bis nach Hitzacker. Die Strecke war recht schön, ich bin beschwingt weitergelaufen, sehr nahe an der Elbe. Es war ein bisschen wild life, denn plötzlich sah ich, wie eine kleine dünne schwarze Schlange in den Gräsern verschwand. Ich sah nur noch Schwanzende der Schlange und zack war sie weg. Sie glänzte sehr und einen Moment habe ich gedacht, dass es vielleicht eine Echse war, aber dafür war sie zu lang. Und das direkt vor meinen Füßen. Ich habe mich schon erschreckt! Es ist wirklich enorm, was man unterwegs an Tieren sieht. Große schwarze Käfer und natürlich Feuerwanzen. Ich liebe ja Feuerwanzen sehr! Erstaunliche Tierchen.

Drüber und drunter

Ich hab noch das eine oder andere Päuschen gemacht bis ich plötzlich kein Wasser mehr hatte. Ich habe zugesehen, dass ich in Richtung menschlicher Behausungen kam und hörte plötzlich drei ältere Damen im Garten, die auf einer Terrasse saßen und Karten spielten. Ich habe sie gebeten, mir die Wasserflasche aufzufüllen. Das haben sie auch sehr gern und ausnehmend freundlich getan und so ging es dann mit frisch gefüllter Flasche weiter. Herzlichen Dank, liebe Ladies! Anschließend bin ich in einen Weg eingebogen, der Schulweg hieß, und dann ging es wieder durch den Wald. Vor einem Waldstück waren Warnhinweise, dass es dort Erdlöcher gibt, was mir ein bisschen Sorge gemacht hat. Es wurde eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass man nicht in abgesperrte Bereiche und nicht über abgesperrte Wege gehen solle. Ich habe das auch nicht getan. Ich habe aber auch keinen Weg oder Bereich gesehen, der abgesperrt war. Allerdings lagen an vielen Stellen quer über den Weg gefallene Baumstämme, über die man drüber kraxeln musste oder unter denen man durch krabbeln konnte, erst der Rucksack, dann ich. Es ist erstaunlich, was so ein Laptop aushält … Andere Stämme musste man komplett umrunden. Ich war nicht die erste, die dies tat. Es ist ganz interessant zu sehen, wie schnell solche Trampelpfade um ein Hindernis herum entstehen. Ich habe mir gedacht, dass das keine Absperrungen gewesen sein können. Auch wenn mich kurz der Gedanke irritierte, dass mit „Absperrungen“ vielleicht die gefallenen Bäume gemeint sein könnten. Aber ich glaube nicht, dass auf diese Weise – ganz ohne Schild und weitere Warnung – in Deutschland ein Weg gesperrt werden würde. Insofern bin ich tapfer drüber und drunter und drum rum um die Bäume und hab am Ende bald Hitzacker erreicht.

Wieder eine Erinnerung!

Jugendherberge Hitzacker
Jugendherberge Hitzacker – eine Kindheitserinnerung

Gleich als erstes sah ich in Hitzacker die Jugendherberge. Ich habe sie zwar nicht wiedererkannt, mich aber erinnert, dass ich in der vierten Klasse dort mit meiner Schulklasse war. Vielleicht finde ich sogar die Erinnerungsbroschüre noch, in der jede Schülerin und jeder Schüler damals eine Seite gestaltet hat, mal sehen. Schon wieder eine kleine Kindheitserinnerung!

Hitzacker, endlich!

Ich dachte, ich könnte in Hitzacker noch ein bisschen einkaufen, aber es war nach achtzehn Uhr und da wird hier wohl alles dicht gemacht. Aber immerhin, ich war noch vor zwanzig Uhr unterwegs. Früh genug, um etwas zu essen zu bekommen. Ich habe in dem Restaurant in Dierks Hotel am Hafen einen sehr guten Matjes bekommen mit ebenfalls leckeren Bratkartoffeln. Ich war sehr zufrieden und habe mir auch gleich ein großes alkoholfreies Radler bestellt. Das war wirklich sehr lecker und hat mir richtig gut getan nach diesem Wandertag mit Kletter-Einlage.

Morgen ist Wanderpause in Hitzacker

Jetzt mache ich noch ein kleines Päuschen, dann werde ich früh schlafen gehen und morgen wandere ich nicht, denn morgen habe ich einen Pausentag in dem hübschen Städtchen Hitzacker eingeplant. Ich denke, ich werde tagsüber ein bisschen durch den Ort streifen und ein paar Bilder machen. Am Abend kommt meine Tochter mit ihrer Familie und wir werden gemeinsam zu Abend essen. Darauf freue ich mich!

Nächste Woche geht es weiter mit Tag 11 an der Elbe. Schaut gern wieder hier vorbei!

Wer liest noch mit und wandert mit mir die Elbe entlang? Ich freue mich über eure Kommentare oder oder eure E-Mails!

6 Gedanken zu „Von Bleckede nach Hitzacker“

    • Dankeschön, liebe Sylvia, ich freue mich riesig, dass du mich lesend begleitest – und ganz besonders über dein Lob! 🙂

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  1. Liebe Andrea, das war ja wieder eine tolle, interessante Wanderung, sehr gut beschrieben, als wenn man dabei war. Und dann die vielen schönen Aufnahmen. Ein wirklich gelungener Beitrag.

    Liebe Grüße Mutti 😘

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  2. Ich bewundere Dich, dass Du nach einer anstrengenden Wanderung noch so ausführlich und liebevoll über Deine Erlebnisse und Gedanken berichten kannst. Ich kenne die von Dir beschriebene Gegend von meinen Radtouren sehr gut. Damals war das Gebiet allerdings noch Zonenrandgebiet und die Infrastruktur wahrscheinlich noch schlechter als heute. Gefallen hat es mir auch. Es war eine Freude, Deinen Text zu lesen.

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    • Vielen Dank, lieber Klaus! Ich freue mich sehr, dass mein Bericht dir eine Freude bereitet hat. Es kommen weitere – versprochen! Liebe Grüße von Andrea

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